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Justus Pault Gewalt lässt keinen kalt  
Justus Pault      Leseprobe aus meinen gesammelten Werken Gewalt lässt keinen kalt



Bluter

Knastlazarett. Steckschuss im Brustkorb. Die Kugel wurde mir vor einigen Tagen herausoperiert. Wenn du im Knast operiert worden bist, siehst du aus, wie unter Omas Stricknadeln gelegen. Ein dicker Reißverschluss als bleibende Narbe. Wir sitzen zu fünft in der Zelle und pokern. Die Zellentür ist angelehnt. Gleich kommt der Sani zur Visite. Draußen wird es laut. Die Tür wird aufgerissen! Ein Knacki stützt einen anderen, der sich offensichtlich die Pulsadern aufgeschnitten hat. In skurril dünnen, kaum sichtbaren Fontänen, spritzt das Blut aus den Schnittwunden. Die beiden stolpern in die Zelle. Der sprühfeine Blutstrahl benetzt die Zellenwand. »Verdammte Scheiße, wo ist der verfickte Sani?«, stammelt der Helfer aufgeregt. Wir schmeißen die Karten hin, wohl weil wir alle ein schlechtes Blatt haben. Der Verletzte ist leichenblass. Seine Augen blicken ins Leere. »Warum regst du dich so auf? Das sind doch nur zwei kleine Schrammen«, sage ich zum Helfer. »Mann, der Typ ist Bluter! Der schmiert ab, wenn er nicht sofort verbunden wird!« »Okay, ich suche den Sani!« Ich haste los. Am Ende der Station liegt das Sanibüro. Die Tür steht offen, aber der Sani ist nicht da. Ich muss Verbandstoff finden! Alle Schränke sind abgeschlossen! Die Zeit drängt! Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Warten? Ich bemerke, dass am Fenster keine Gitter sind! Weil das hier die dritte Etage ist? Hier könnte man sich schön abseilen! Ich schaue raus. Unten liegt der Marktplatz mit einigen Marktständen. Es hat sich ein Menschenauflauf gebildet. Mir fällt ein, dass der Sani heute befördert wird. Da unten in der Menge erkenne ich ihn! Ich verlasse den Saniraum wieder und entdecke eine Fahrstuhltür! Seit wann haben wir einen Fahrstuhl im Knast? Ich drücke einen Knopf, die Tür gleitet zur Seite. Ich gehe in den Fahrstuhl rein, drücke das E. Der Fahrstuhl fährt langsam runter. Viel Zeit vergeht, bis ich endlich unten angekommen bin. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Ich stehe in einer verglasten Halle. Durch die Glaswand sehe ich Kameras, Mikrofone und den Sani! Er wird gerade interviewt. Um ihn herum stehen Schaulustige. Ich entdecke den Ausgang und laufe aus dem Glasgebäude. Aufgeregt wühle ich mich durch die Zuschauermenge. So viele Menschen, nur weil ein Sani im Knastkrankenhaus befördert wird! Seltsam. Ich erblicke ihn, erkenne ihn von hinten an seinem weißen Kittel. Er spricht mit einem Reporter. Ich schiebe die Leute zur Seite, um an den Sani heran zu kommen. Ich tippe ihm auf die Schulter. Er dreht sich um und sieht mich fragend an. Erst jetzt bemerke ich, dass mich auch die Umstehenden anstarren. Mit meinem gestreiften Knastanzug falle ich natürlich auf! »Sie werden auf der Station gebraucht! Oben hat sich ein Bluter verletzt! Der krepiert, wenn sie ihn nicht behandeln!« Ich erwarte, dass er sofort mitkommt. Aber nein, er blickt mich mürrisch an! »Sehen sie nicht, dass ich hier interviewt werde? Außerdem bringt es Unglück, wenn ich gleich am ersten Tag jemanden verarzte!« Das sagt er mir! Ich bin perplex. Der Sani wendet mir wieder den Rücken zu und spricht schleimig mit dem Reporter. Ich kann ja verstehen, dass jemand abergläubisch ist. Aber er darf deshalb doch keinen Gefangenen sterben lassen! Ich versuche es noch einmal, packe ihn am Arm, will ihn mitzerren. »Sie müssen den Mann retten!« Der Sani wird jetzt wütend! »Was machen sie hier überhaupt? Warum sind sie nicht in ihrem Haftraum? Ich werde eine Rüge in ihre Akte schreiben! Machen sie, dass sie wegkommen!« Soll ich dem arroganten Arschloch die Fresse polieren? Das ist er nicht wert. Wegen dem hole ich mir keinen Nachschlag. Irgend etwas stimmt hier nicht! Wieso ist es mir gelungen aus dem Knast zu spazieren? Ziellos streife ich durch die Gegend. Ich komme an einem Kiosk vorbei, werfe einen Blick auf die Schlagzeilen der Tageszeitung. Ein Foto des Sanis prangt auf der Titelseite! Verwirrt gehe ich weiter, bis ich vor einer breiten, menschenleeren Holztreppe stehe, die zu einer Art Zirkuszelt hochführt. Ich gehe die Treppe hoch. Bevor ich durch den Zelteingang gehe, sehe mich noch einmal um. Die Treppe führt runter in unendliche Tiefe! Das muss eine optische Täuschung sein! Die Treppe war viel kürzer, als ich sie gerade hochgestiegen bin! Was ist hier los? Am Eingang drücke ich eine Plane zur Seite und betrete das Zelt. Ich stehe auf schrägen Planken. Direkt vor mir setzt sich ein Raupenkarussell in Bewegung! Im Bedienungshäuschen am Rand der Anlage sitzt ein Schließer. Er schaut zu mir rüber. Warum gibt er keinen Alarm? Ich höre vergnügtes Kreischen. Da fällt mir auf, dass nur Frauen in den Karussellgondeln sitzen. Nur Frauen! Keine Männer dabei! Hübsche Frauen! Unglaublich! Die Raupe wird schneller. Die Frauen kreischen vergnügt! Es fehlt die Musik! Warum wird hier keine Musik gespielt? Ich schaue zum Schließer. Der sitzt in seinem Plexiglaskasten und blättert in einer Zeitung. Nach einer Weile bequemt er sich, ein paar Knöpfe zu drücken. Das Karussell wird langsamer und hält an. In welche Gondel soll ich jetzt einsteigen? Es sind Vierergondeln und in jeder sitzen zwei oder drei Frauen. Ich habe die große Auswahl! Die Weiber sehen mich geil an, eine wie die andere. Die wollen ficken, genau wie ich! Ich kann mein Glück kaum fassen! Oh, ich habe zu lange gezögert. Das Karussell setzt sich wieder in Bewegung. Bald ist es so schnell, dass ich die Gesichter der Frauen nicht mehr zu erkennen vermag. Ich gehe ein Stück die schrägen Planken hoch, lehne mich an ein Geländer. Die Zeltplane ist unten etwas aufgeklafft. Ich lege mich auf den Boden und blicke nach draußen. Hinter mir kreischen die geilen, rasenden Weiber. Ich schaue hinunter in die Tiefe. Aus der Vogelperspektive sehe ich weit unter mir den Marktplatz. Ich erkenne den Sani, der weiterhin interviewt wird. Die Altstadthäuser rund um den Markt erinnern mich an Häuser einer Modelleisenbahnanlage. Halb links unter mir bewegt sich etwas. Radrennfahrer! Da unten läuft ein Radrennen! Ein Pulk von etwa fünfzehn Fahrern rast am Rande des Marktplatzes entlang. Alle Fahrer tragen blaue Trikots. Ich sehe ihre blauen Rücken. Sie sind verdammt schnell! Jetzt flitzen sie an den Marktständen vorbei. Zu nahe, für das hohe Tempo! Da schießen plötzlich einige Fahrer nebeneinander nach rechts aus dem Pulk heraus. Sie steuern direkt auf eine Imbissbude zu! Wahnsinn! Zwei Männer stehen vor der Bude. Ich will ihnen zuschreien, will sie warnen, denn die Fahrer kommen direkt auf sie zu! Zu spät! Die Rennfahrer rasen dicht an dicht in die beiden Männer hinein! Den Moment des Aufpralls mag ich nicht mit ansehen. Ich verberge mein Gesicht hinter verschränkten Armen. Eine Weile liege ich so da, dann blinzle ich durch die Arme wieder hinunter auf den Marktplatz. Das Fahrerfeld ist weiter gefahren. Zwei Gestalten liegen nackt und gekrümmt auf dem dunklen Kopfsteinpflaster. Ich sehe kein Blut, bin mir aber sicher, dass die beiden da unten kein Leben mehr in sich tragen. Jetzt kommt die Menge in Bewegung, die das Interview des Sanis verfolgt hat. Die Traube wälzt sich langsam zum Unfallort. Ein Krankenwagen und ein schwarzer Leichenwagen bahnen sich den Weg durch die Menge. Mein Blick geht wieder zu den Toten. Ein winziger roter Fleck auf dem Unterarm des einen Opfers fällt mir auf. Als ich genauer hinsehe wird der Fleck größer. Das gibt es doch nicht! Der Fleck vergrößert sich immer weiter! Zunächst denke ich an eine Blutlache, dann erkenne ich eine Tätowierung. Auf rotem Untergrund ist etwas in blauen Buchstaben in die Haut verewigt. Die Tätowierung wächst! Sie wächst über den Körper hinaus! Sie entfernt sich vom Leib, schwebt in die Höhe, langsam auf mich zu! GILAN 1 lese ich. Blaue Buchstaben auf rotem Grund. Was soll das bedeuten? Der rote Fleck kommt auf mich zu geflogen, wird immer größer! Er verdeckt jetzt schon ein Drittel des Geschehens unten auf dem Marktplatz! Ich spüre, dass mir der Schriftzug gefährlich werden kann! Erschrocken richte ich mich auf und schaue mich um! Das Karussell hat gehalten. Es ist leer! Ich bin alleine im Zelt! Keine Frauen, kein Schließer zu sehen. Ich renne zur Treppe! Als ich die Stufen hinunter haste, kommen mir Leute entgegen. Familien mit Kindern, Männer und Frauen. Eine endlose Menschenmasse kriecht die Treppe hoch. Ich laufe weiter, wühle mich durch die hochstrebende Menschen. Ein Vater mit einem Jungen an der Hand sieht mich verwundert an. »Brauchen sie Geld?« Warum fragt er mich das? Was will der Mann von mir? Die Situation scheint mir über den Kopf zu wachsen. In mir steigt Panik auf! Ich habe genug von dieser verrückten Außenwelt gesehen! Ich will zurück in meine ruhige Hütte! Ohne Probleme finde ich den Rückweg zum Knast. Allerdings befinde ich mich nun in einem halbdunklen Kellergewölbe. Wo bin ich hier gelandet? Ich komme an eine Eisentür. Ein kitschig großer, rostiger Schlüssel steckt im Schloss. Ich schließe auf und durchschreite die Tür. Ein Gewölbegang, beleuchtet von brennenden Fackeln an den Wänden! Ich höre Stimmen! Ein Stimmengewirr voll Klagen und Jammern. Dann sehe ich sie: An dem Gewölbegang entlang hocken Gefangene in vergitterten Nischen! Eingepfercht zu zehnt und mehr auf engstem Raum! Alle scheinen verwundet oder frisch operiert zu sein! Verbundene Köpfe, Arme, Beine. Die Verbände sind blutdurchtränkt! Viele Gefangene stöhnen vor Schmerzen. Ich bin verwirrt. Oben auf den Stationen geht es doch einigermaßen normal zu. Was ich hier sehe, dass darf es doch gar nicht geben! Um Hilfe bettelnde Hände wollen durch die Gitter nach mir greifen. Die Schwerverletzten stöhnen und wimmern. Aber wie soll ich helfen? Ich bin doch auch nur ein Gefangener! Bin ich hier im KZ gelandet? Ein Schließer kommt mir entgegen. Als er mich sieht, verzerrt sich sein Gesicht vor Wut. Er zückt seinen Schlagstock und kommt schreiend auf mich zu. »Nummer achtundzwanzig! Sie haben hier nichts zu suchen! Ab, in ihre Zelle, oder ich rufe das Rollkommando!« Die Ansage reicht! Ich mache kehrt und eile zurück zur Tür. Er kommt hinter mir her, droht mit dem Schlagstock. Ich kann ihm gerade noch die Tür vor der Nase zuschlagen! Schnell drehe ich den Schlüssel um. Jetzt sehe ich direkt neben mir eine Fahrstuhltür! Die war vorhin noch nicht da! Ich drücke einen Knopf in der Wand und die Tür gleitet sofort auf. Ich betrete den Fahrstuhl und drücke die 3. Der Fahrstuhl steigt langsam nach oben. Dabei denke ich an den verletzten Bluter. Vielleicht ist er schon abgekratzt. Womöglich in unserer Zelle!



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